Wann hast du deine Leidenschaft für die Musik entdeckt?
Ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an dem ich nicht gesungen habe. Die klassische Musik habe ich allerdings auf eine eher ungewöhnliche Art kennengelernt: durch einen Barbie-Film. Darin gab es eine Figur namens Bibble, die eine Beere gegessen hat und als Nebenwirkung plötzlich Opernarien oder Jodel gesungen hat. So bin ich mit einer Welt in Berührung gekommen, die später zu einem wesentlichen Teil meines Lebens geworden.
Was waren die schönsten Momente und Erfahrungen deiner noch jungen Karriere?
Einer der Momente, an die ich mich mit besonderer Emotion erinnere, war das erste Mal, als ich in der Petersbasilika während der Osternacht einen Psalm als Solistin gesungen habe. Meine Beine haben gezittert, und ich musste a cappella singen. Als ich fertig war und vor mir nur diesen endlosen Strom von Menschen gesehen habe, war das wirklich überwältigend.
Aber auch die menschlichen Beziehungen, die unterschiedlichsten Konzerte und die Erfahrungen mit dem Resonare Vocal Ensemble, mit dem ich aufgewachsen bin, gehören für mich dazu. Das Singen in einem Vocal Ensemble hat mir beigebracht, in der Polyphonie festen Boden unter den Füssen zu behalten – sowohl in den Konsonanzen als auch in den Dissonanzen.
Und vor allem glaube ich: Das Schönste kommt erst noch.
Gab es Menschen, die dich inspiriert oder auf deinem Weg unterstützt haben?
Es waren wirklich sehr viele Menschen, und ich möchte gar keine lange Liste von Danksagungen machen. Ich glaube, dass jede Person, der ich begegnet bin, ein wichtiger Baustein in meiner persönlichen und künstlerischen Entwicklung war.
Natürlich haben meine Familie und meine Freunde eine ganz wichtige Rolle gespielt. Darüber hinaus gab es Menschen, die mir zu unterschiedlichen Zeitpunkten geholfen haben, mein Potenzial zu erkennen und weiterzuentwickeln.
Dazu gehört Laine Tabora, Musikwissenschaftlerin, Gregorianik-Spezialistin und Chorleiterin in den Niederlanden. Durch ihr Beispiel hat sie mir gezeigt, dass eine musikalische Karriere möglich ist und sich mit dem Leben vereinbaren lässt.
Eine weitere wichtige Person ist Antonio Del Pino, Leiter des Coro Pueri Cantores de Málaga und Organist der Kathedrale von Málaga. Er war einer der ersten Menschen überhaupt, die mich eingeladen haben, professionell zu arbeiten. Er hat mir geholfen, mein eigenes Potenzial besser zu erkennen und vor allem zu verstehen, wie gross meine Lust war, Musik wirklich ernsthaft zu meinem Beruf zu machen.
Auch meine Lehrerin Malin Hartelius ist zu einer sehr wichtigen Mentorin auf meinem Weg geworden. Sie hat mich an die Hand genommen und begleitet mich mit einer einzigartigen Mischung aus Liebe und Hingabe auf meinem Weg zu der Künstlerin, die ich sein möchte. Dabei geht es für mich nicht nur um Gesangstechnik oder musikalische Entwicklung. Sie lehrt mich auch, meiner eigenen Stimme zu vertrauen, neugierig zu bleiben und den Mut zu haben, meinen ganz persönlichen künstlerischen Weg zu gehen. Besonders wertvoll ist für mich, dass sie mich immer wieder dazu bringt, über meine eigenen Grenzen hinauszugehen und gleichzeitig meine Individualität als Künstlerin zu bewahren. Ich glaube, genau diese Verbindung aus Vertrauen, Anspruch und Menschlichkeit ist es, die eine gute Mentorin ausmacht.
Ich kann mir vorstellen, dass es im Vatikan als Frau nicht immer einfach war, sich durchzusetzen. Liege ich damit richtig?
Aus menschlicher Sicht war mein Weg im Vatikan eigentlich sehr unkompliziert. Mit dem Leiter der Sixtinischen Kapelle bestand immer ein gegenseitiges Vertrauens- und Wertschätzungsverhältnis, ebenso mit meinen Kollegen und Kolleginnen im Chor.
Die Schwierigkeiten, die ich erlebt habe, waren vielmehr mit der Welt der Gregorianik im Allgemeinen verbunden. Dort gibt es leider noch immer viel Misogynie und das Vorurteil, dass eine junge Frau nicht gut oder kompetent sein könne – eben weil sie eine Frau ist – oder dass sie nicht mit einer gewissen Autorität und Entschlossenheit dirigieren könne.
Deshalb würde ich diese Erfahrungen weniger mit dem Vatikan als vielmehr mit der Welt der Gregorianik verbinden, in der manche Klischees leider noch immer schwer zu überwinden sind.
Was machst du, wenn du gerade nicht singst?
Das ist schwer zu sagen, denn eigentlich singe ich den ganzen Tag!
Ich mache sehr gerne Sport, gehe ins Fitnessstudio und unternehme lange Spaziergänge.
Ich bin ein sehr geselliger Mensch und liebe es, mich mit Menschen, neuen Eindrücken und unterschiedlichen Anregungen zu umgeben. Ausserdem habe ich eine Schwäche für den Rubik-Würfel – auch wenn ich das Lernen der Algorithmen momentan etwas zurückgestellt habe, um mich stattdessen den deutschen Dativformen zu widmen!
Und die für den Chor wohl spannendste Frage: Was wünschst du dir von unserem Chor? Welches Potenzial siehst du?
Das ist eine etwas komplexe Frage, weil ich den Chor bisher nur für relativ kurze Zeit kennenlernen konnte. Was ich aber schon jetzt sagen kann: Ich würde gerne etwas neue und frische Energie einbringen, neue Impulse und Herausforderungen schaffen und euch gleichzeitig dabei begleiten, einige der Repertoires zu entdecken und weiterzuentwickeln, die bereits Teil eures musikalischen Weges sind.
Ich sehe insbesondere Potenzial darin, an der stimmlichen Sicherheit sowie am musikalischen und harmonischen Bewusstsein zu arbeiten. Zum Beispiel könnte man den Dialog mit der Orgel weiter stärken, aber auch Repertoire aus der Cäcilianischen Bewegung, alte Musik und a cappella gesungene Werke stärker erkunden.
Was mich von Anfang an besonders beeindruckt hat, ist jedoch, wie verbunden die Gruppe ist und welch schöne Atmosphäre herrscht. Das ist für mich eine wesentliche Voraussetzung für eine gute Entwicklung – nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich.
Wir sind ein Team und ich darf die Trainerin sein. Aber nur als gesamtes Team mit einer offenen und direkten Kommunikation können wir wachsen.